Lebensmittelabfälle verringern Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung untersucht

Quelle: Pressemitteilung Technische Universität Berlin 5 min Lesedauer

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Was landet in privaten Küchen im Müll? Und wie viel Lebensmittelabfälle lassen sich vermeiden? Diese Fragen hat ein Forschungsprojekt mithilfe von über 200 Haushalten untersucht und dabei auch mögliche Strategien geprüft, wie sich Lebensmittelabfälle zu Hause tatsächlich verringern lassen.

Die Initiative „Zu gut für die Tonne!“ soll Verbrauchern helfen, die Lebensmittelabfälle zu reduzieren.(Bild:  KI-generiert / Gemini)
Die Initiative „Zu gut für die Tonne!“ soll Verbrauchern helfen, die Lebensmittelabfälle zu reduzieren.
(Bild: KI-generiert / Gemini)

Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten lassen sich deutlich reduzieren, doch welche Maßnahmen dabei gut wirken, ist schwierig zu bestimmen. Im Forschungsprojekt Dialogforum private Haushalte 2.0 (DiFo 2.0) der Technischen Universität Berlin und Slow Food Deutschland e. V. haben Haushalte ihre Lebensmittelabfälle mit einem digitalen Küchentagebuch in der „Zu gut für die Tonne!“-App erfasst. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Rückgang vermeidbarer Abfälle – aber auch, dass einmalige psychologische Impulse allein nicht ausreichen und schon die Art der Messung das Verhalten beeinflussen kann.

Vermeidbare Lebensmittelabfälle sollen um 30 Prozent sinken

Im Projektteil „Miss mit!“ dokumentierten 222 Haushalte in insgesamt 7.468 Tagebucheinträgen ihre Lebensmittelabfälle jeweils sieben Tage vor und sieben Tage nach einer Mitmach-Aktion. Die Aktionen beschäftigten sich unter anderem mit Einkaufsplanung, Lagerung, Haltbarkeit und Resteverwertung. Die durchschnittlich dokumentierte Gesamtmenge sank von 83,9 auf 70,5 Gramm pro Person und Tag – ein Rückgang um 16,1 Prozent.

Noch deutlicher fiel die Veränderung bei den vermeidbaren Lebensmittelabfällen aus: Hier sank die Menge von 45,5 auf 33,2 Gramm pro Person und Tag, also um 27,1 Prozent. Unvermeidbare Abfälle wie Knochen oder nicht essbare Schalen veränderten sich dagegen kaum. Zum Vergleich: Das neue europäische Reduktionsziel sieht bis 2030 eine Verringerung der Lebensmittelabfälle pro Kopf um 30 Prozent vor, gemeinsam für Einzelhandel, Gastronomie, Verpflegungsdienstleistungen und private Haushalte.

Die beobachteten Rückgänge von Lebensmittelabfällen sind ein klarer Befund des Projekts, aufgrund des Reallabordesigns lässt sich jedoch nicht eindeutig bestimmen, welchen Anteil die Aktionsinhalte, das tägliche Dokumentieren oder weitere Einflüsse daran hatten. Das tägliche Eintragen von Lebensmittelabfällen selbst kann dazu geführt haben, dass die Teilnehmenden ihre Abfälle bewusster wahrnahmen und ihr Verhalten veränderten. Darauf weist auch die Abschlussbefragung hin: Rund 20 der 51 Befragten berichteten, dass ihnen durch das Protokollieren eigene Abfallmengen, Entsorgungsgründe oder wiederkehrende Muster stärker bewusst geworden seien.

Kurze psychologische Impulse zeigen keinen zusätzlichen Effekt

In einer zusätzlichen randomisierten Studie mit 420 Teilnehmenden testete das Forschungsteam zwei weitere Ansätze. Ein Teil der Teilnehmenden reflektierte Situationen, in denen sie Lebensmittel weggeworfen hatten, obwohl sie dies eigentlich vermeiden wollten. Andere formulierten konkrete Wenn-dann-Pläne dafür, was sie beim Einkaufen oder Portionieren künftig anders machen wollten; eine dritte Gruppe kombinierte beide Aufgaben.

Im Vergleich zu der Kontrollgruppe, die keinen dieser zusätzlichen Impulse erhielt, führte keiner der Ansätze zu einer stärkeren Verringerung der anschließend dokumentierten Lebensmittelabfälle. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass einmalige psychologische Impulse unter diesen Bedingungen nicht ausreichten, um die Lebensmittelverschwendung zusätzlich zu senken.

Reduktion statt „Zero Waste“

Auch eine weitere Beobachtung relativiert einfache Erfolgsrezepte: Haushalte mit Vorerfahrung, die das Küchentagebuch bereits zuvor im Rahmen einer Mitmach-Aktion genutzt hatten, konnten den anfänglichen Rückgang bei einer erneuten Teilnahme nicht in gleichem Maße fortsetzen. Ihre dokumentierten Lebensmittelabfälle lagen bereits zu Beginn bei einem niedrigeren Niveau und gingen im weiteren Verlauf kaum noch zurück. Das spricht dafür, dass bei bereits niedrigen Ausgangswerten auch der Spielraum für weitere Reduktionen geringer ist.

Zusammen mit dem nahezu unveränderten Anteil unvermeidbarer Abfälle erscheint es sinnvoll, bei Maßnahmen und Kommunikation vor allem die Verringerung vermeidbarer Lebensmittelabfälle in den Mittelpunkt zu stellen, statt ein absolutes „Zero-Waste“-Ziel zu formulieren, so ein Fazit der Forschenden. Bestimmte Schalen, Kerne und andere nicht essbare Bestandteile ließen sich nicht vollständig vermeiden.

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Wichtig: eine Kompostierung sei keine Form der Lebensmittelabfallvermeidung, sondern eine Verwertung bereits entstandener Lebensmittelabfälle. Vermeidung setzte früher an und verhindere, dass Lebensmittelabfälle überhaupt entstehen.

Erfolg bedeutet nicht, dass kein Gramm mehr weggeworfen wird. Entscheidend ist, vermeidbare Abfälle gezielt zu verringern.

Prof. Dr. Nina Langen, TU Berlin

Besonders deutlich ging die Menge der Lebensmittel zurück, die wegen Verderb oder Schimmel entsorgt wurden. Der Median sank von 7,14 auf 4,10 Gramm pro Person und Tag. Lagerung, Vorratsmanagement und die rechtzeitige Verwendung vorhandener Lebensmittel könnten daher wichtige Ansatzpunkte für künftige Maßnahmen sein. Um solche Effekte zuverlässig zu erkennen, ist allerdings entscheidend, wie Lebensmittelabfälle gemessen werden.

Wie das Experiment das Ergebnis beeinflusst

Mit dem vom Projektteam in enger Abstimmung mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) entwickelten digitalen Küchentagebuch erfassen Haushalte Art und Menge der entsorgten Lebensmittel, vermeidbare und unvermeidbare Anteile sowie die Gründe für die Entsorgung. Dabei können sie ihre Abfälle entweder wiegen oder vorgegebene Mengen auswählen.

Die Auswertung zeigt, dass bereits die Gestaltung einer solchen Eingabemaske die Ergebnisse beeinflussen kann: Knapp 30 Prozent aller Einträge entsprachen exakt einem der vier angebotenen Schnelleingabewerte von 5, 15, 150 oder 240 Gramm. Sensitivitätsanalysen ergaben allerdings, dass sich die beobachteten Vorher-Nachher-Unterschiede nicht allein durch diese Eingabemöglichkeit erklären lassen. Zugleich lagen die von den Haushalten selbst dokumentierten Mengen deutlich unter den amtlichen Schätzungen für Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten in Deutschland. Weil unterschiedliche Erhebungsverfahren zugrunde liegen, lassen sich die Werte nicht direkt miteinander vergleichen. Die Differenz unterstreicht jedoch, wie wichtig die weitere Erforschung geeigneter Messmethoden ist.

Wichtige Fragen für die Lebensmittelabfallforschung

„Das Küchentagebuch zeigt uns sehr detailliert, was in Haushalten weggeworfen wird und warum. Gleichzeitig sehen wir, dass die Art der Messung selbst eine Rolle spielen kann. Genau daraus entstehen wichtige Fragen für die nächste Generation der Lebensmittelabfallforschung“, sagt Prof. Dr. Nina Langen, Leiterin des Fachgebiets Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin. Künftige Studien sollen deshalb einzelne Verhaltensweisen und Lebensmittelgruppen gezielter untersuchen, längere Messzeiträume einplanen und prüfen, ob beobachtete Veränderungen dauerhaft bestehen bleiben.

Eine weitere Frage ist, was Verbraucher überhaupt als Lebensmittelabfall wahrnehmen – etwa wenn Lebensmittelreste kompostiert statt über den Hausmüll entsorgt werden.

Möglich wurde die Datenerhebung durch die Zusammenarbeit mit fünf Praxispartnern aus Lebensmittelherstellung und -handel sowie einem B-Corp-zertifizierten Social-Impact-Unternehmen. Über deren Kommunikationskanäle konnten Haushalte bundesweit erreicht werden.

Das digitale Küchentagebuch in der App „Zu gut für die Tonne!“ des BMLEH bleibt auch nach Abschluss des Projekts im Einsatz: Drei externe Partner nutzen das Instrument weiter und neue Mitmach-Aktionen können mit der Initiative „Zu gut für die Tonne!“ vereinbart werden. Die Ergebnisse von DiFo 2.0 liefern damit nicht nur Erkenntnisse über die Vermeidung von Lebensmittelabfällen, sondern auch eine methodische Grundlage dafür, künftige Maßnahmen zuverlässiger zu entwickeln und zu evaluieren.

Über das Projekt

Das Dialogforum private Haushalte 2.0 (DiFo 2.0) wird im Rahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert. Es arbeitet eng mit der BMLEH-Initiative „Zu gut für die Tonne!“ zusammen. Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) über den Zeitraum Oktober 2023 bis September 2026. Das Dialogforum wird von Slow Food Deutschland zusammen mit dem Fachgebiet Bildung für Nachhaltige Ernährung und Lebensmittelwissenschaft der TU Berlin durchgeführt.

Originalpubliaktion: Frerk, M., Langen, N., Speck, M. (2026). Verringerung der Lebensmittelverschwendung als Teil der Transformation des Ernährungssystems, aus: Büttgen, A., Hackspiel-Mikosch, E., Liedtke, C., Wilkening, T. (eds) SDG 12: Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion. Globale Ziele für nachhaltige Entwicklung. Springer, Berlin, Heidelberg; DOI: 10.1007/978-3-662-70118-8_46-1