Die Idee ist clever: Über Ackerflächen Photovoltaik-Anlagen installieren, um die Fläche zusätzlich für Strom zu nutzen. Doch wie kommen Gerste, Kartoffeln und Co. mit der zusätzlichen Beschattung zurecht? Besser als erwartet, wie nun eine Studie an realen Agri-Photovoltaik- sowie Agroforst-Systemen zeigt.
Ackerpflanzen sind anpassungsfähiger als gedacht: Eine Studie der Uni Hohenheim zeigt, dass auch typische Sonnenpflanzen ihre Photosynthese unter Teilbeschattung in Agroforst- und Agri-PV-Systemen anpassen können.
(Bild: Universität Hohenheim / Markus Pflugfelder)
Halb Deutschland ist Ackerland. Viel Fläche, die mehr könnte als „nur“ die Nahrungs- und Futtermittelproduktion zu gewährleisten. Ein Ansatz, um die Flächen effizienter zu nutzen, sind so genannte Agroforst-Systeme und Agri-Photovoltaik (Agri-PV). Dabei kombiniert man den Ackerbau mit Forstwirtschaft und/oder der Installation von Photovoltaikanlagen – Klimaschutz und Kartoffelernte in einem. Allerdings hat dieses Modell auch eine Schattenseite, wortwörtlich: Bei den Agroforst-Systemen blockieren die Bäume einen Teil des Sonnenlichts, bei der Agri-PV beschatten Solarmodule die Feldfrüchte. Eine offene Frage war deshalb, wie gut klassische Ackerpflanzen mit den veränderten Lichtbedingungen zurechtkommen. Eine umfangreiche Feldstudie zeigt nun: deutlich besser als vielfach angenommen.
Durchgeführt wurde die Studie vom Fachgebiet Pflanzenökologie der Universität Hohenheim in Kooperation mit dem Forschungszentrum Jülich: Das Forschungsteam untersuchte in den Jahren 2023 und 2024 an fünf Standorten in Deutschland die Photosynthese-Leistung von fünf wichtigen Sorten, die von Landwirten in Deutschland häufig angebaut werden:
Gerste (Hordum vulgare)
Mais (Zea mays)
Kohl (Brassica oleracea)
Kartoffeln (Solanum tuberosum)
Ackerbohnen (Vicia faba)
Als Vergleich dienten jeweils voll besonnte Referenzflächen. Mithilfe eines mobilen Photosynthese-Messsystems erfassten die Forschenden unter realen Feldbedingungen zentrale physiologische Kennwerte direkt an den Blättern.
So passen sich die Pflanzen an Schattenwurf an
Das wichtigste Ergebnis: Unter den Beschattungsbedingungen sanken bei allen untersuchten Kulturen sowohl die Dunkelatmung als auch der Lichtkompensationspunkt. „Vereinfacht ausgedrückt heißt das, dass die Pflanzen weniger CO₂ durch Atmung verloren und gleichzeitig weniger Licht benötigten, um Kohlenstoff zu fixieren, den sie benötigen um zu wachsen und Früchte zu bilden“, erklärt Doktorandin Jennifer Moore „Das zeigt eine klare physiologische Anpassung an Teilbeschattung.“
„Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Effekt bei allen untersuchten Kulturen auftrat, obwohl diese typischerweise nicht unter Beschattung wachsen“, sagt Fachgebietsleiter Prof. Dr. Andreas Schweiger. „Sie verfügen also über eine deutlich größere Anpassungsfähigkeit, als wir bisher angenommen haben.“
Diese Anpassungen träten unabhängig von Standort, Boden, Bewirtschaftungsform und Schattensituation auf. „Ackerpflanzen stoßen unter moderater Beschattung also nicht zwangsläufig an ihre Grenzen, sondern können ihre Stoffwechselaktivität anpassen.“
Besonders relevant sind diese Erkenntnisse, weil die untersuchten Schattenbedingungen nicht künstlich erzeugt wurden, sondern aus realen Agroforst- und Agri-PV-Systemen stammten. Dennoch zeigten sich Unterschiede zwischen den beiden Anbausystemen.
Unter Photovoltaikmodulen blieb die Photosynthese-Leistung meist vergleichsweise stabil. In Agroforstsystemen schwankten die Werte stärker − vermutlich weil Baumkronen ein unregelmäßigeres Schattenmuster erzeugen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Schatten nicht gleich Schatten ist“, erklärt Pflanzenökologin Moore. „Kulturpflanzen können sich an eine moderate Teilbeschattung gut anpassen. Bereiche mit dauerhaft starker Beschattung sollten jedoch möglichst vermieden werden.“
Auch zwischen den Kulturarten beobachteten die Forschenden Unterschiede: Während die meisten Kulturen insgesamt gut auf die Teilbeschattung reagierten, erwies sich Mais – als so genannte C4-Pflanze – tendenziell als empfindlicher gegenüber reduzierter Lichtverfügbarkeit. „Der C4-Stoffwechsel ist eine Anpassung an heiße und trockene Bedingungen. Bei schwächerem Licht können C4-Pflanzen ihre Photosynthese-Kapazität nicht ausreizen“, sagt Moore.
Grundlegende Erkenntnisse für Planung und Pflanzenzüchtung
Physiologische Kennwerte wie Dunkelatmung oder Lichtkompensationspunkt könnten künftig genutzt werden, um schattentolerantere Sorten zu identifizieren und für Anbausysteme mit teilweiser Beschattung auszuwählen: „Unsere Ergebnisse helfen dabei, Agroforst- und Agri-Photovoltaik-Systeme gezielter zu planen“, sagt Studienleiter Schweiger. „Wer weiß, welche Kulturen unter welchen Lichtbedingungen ihre Produktivität aufrechterhalten können, kann Sorten und Flächen besser aufeinander abstimmen.“ Die Forschenden sehen darüber hinaus neue Perspektiven für die Pflanzenzüchtung.
Stand: 08.12.2025
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Agroforst und Agri-PV-Systeme können so einen wichtigen Beitrag zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel leisten. Denn dabei werden nicht nur Flächen doppelt genutzt. Sie mildern auch Hitze- und Trockenstress, indem sie das Mikroklima verbessern, Bodentemperaturen senken und die Bodenfeuchte länger erhalten.
„Angesichts des Klimawandels dürften Hitze- und Dürreperioden das Wachstum der Pflanzen oft stärker begrenzen als der Schattenwurf von Agro-Forst oder Agri-PV-Anlangen“, vermutet der Pflanzenökologe. „Die physiologische Anpassungsfähigkeit der Kulturpflanzen könnte deshalb künftig an Bedeutung gewinnen.“
Gleichzeitig betont das Forschungsteam, dass die beobachteten physiologischen Anpassungen nicht automatisch höhere Erträge bedeuten. Die Ertragsdaten unterschieden sich je nach Standort und Kulturart und zeigten kein einheitliches Bild. Die Studie liefert daher vor allem grundlegende Erkenntnisse über die Mechanismen, mit denen Kulturpflanzen auf natürliche Beschattung reagieren.