So gelingt die perfekte Schaumkrone Bierschaum im Test: Forscher entschlüsseln Stabilitätsgeheimnis

Quelle: Pressemitteilung ETH Eidgenössische Technische Hochschule Zürich 5 min Lesedauer

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Frisch gezapft und mit schöner Schaumkrone, so stellen sich viele ein perfektes Bier vor. Doch wieso zerplatzt der Bierschaum nicht sofort wieder? Forscher haben nun die Mechanismen entschlüsselt, die für eine stabile Schaumkrone entscheidend sind. Die Erkenntnisse helfen Brauereien dabei, ihre Biere weiter zu optimieren.

Eine prächtige Schaumkrone ist für viele Biergenießer wichtig. Forscher haben nun entschlüsselt, was den Bierschaum so stabil macht (Symbolbild).(Bild: ©  master1305 - stock.adobe.com)
Eine prächtige Schaumkrone ist für viele Biergenießer wichtig. Forscher haben nun entschlüsselt, was den Bierschaum so stabil macht (Symbolbild).
(Bild: © master1305 - stock.adobe.com)

Sommerzeit ist Bierzeit – auch wenn der Konsum alkoholhaltiger Biere in der Schweiz und in Deutschland rückläufig ist. Und nichts geht dem Bierliebhaber über eine Schaumkrone, die auf dem goldenen, perlenden Gerstensaft sitzt. Doch bei vielen Bieren platzt dieser Traum schnell und der Schaum fällt in sich zusammen, bevor man den ersten Schluck nehmen kann. Andererseits gibt es auch Biersorten, bei denen die Schaumkrone lange hält.

Weshalb das so ist, haben Forschende der ETH Zürich um Jan Vermant, Professor für Weiche Materialien, nun herausgefunden. Sieben Jahre haben der Belgier und seine Mitarbeitenden daran gearbeitet. Alles begann mit einer einfachen Frage an einen belgischen Brauer: „Wie kontrollierst du die Fermentierung?“ – „Indem ich den Schaum beobachte“, lautete die Antwort.

Heute kennen die ETH-Wissenschaftler die Mechanismen hinter dem perfekten Bierschaum. Und vielleicht können Biertrinker künftig die Schaumkrone im Glas etwas länger bewundern, ehe sie ihren Durst löschen.

Lagerbiere haben vergänglichsten Schaum

In ihrer Studie zeigen die Materialkundler das Bierschaum-Stabilitätsranking: Belgische Biere, die dreifach vergoren wurden, haben den stabilsten Schaum, dicht gefolgt von doppelt vergorenen Bieren. Am wenigsten stabil ist die Schaumkrone dagegen bei einfach vergorenen Lagerbieren.

Folgende sechs Biere wurden in der Studie getestet:

Bier Alkoholgehalt Ermittelte Halbwertszeit (Schaumstabilität)
Westmalle Tripel (Belgisches Tripel-Bier) 9,5 Vol.-% 63 s
Feldschlösschen (Schweizer Lager-Bier) 4,8 Vol.-% 61 s
Tripel Karmeliet (Belgisches Tripel-Bier) 8,4 Vol.-% 50 s
Westmalle Dubbel (doppelt vergoren) 7,0 Vol.-% 36 s
Chopfab (Schweizer Lager-Bier) 4,7 Vol.-% 27 s
Westmalle Extra (einfach vergoren) 4,8 Vol.-% 26 s

Zu den dreifach vergorenen Bieren gehören etwa Trappistenbiere, eine Spezialität des gleichnamigen Mönchsordens. Unter den Lagerbieren, die die ETH-Forschenden untersuchten, befindet sich auch ein Bier einer großen Schweizer Brauerei. „Da lässt sich noch einiges verbessern – wir helfen gerne“, sagt Vermant und schmunzelt.

Zwei Effekte bestimmten die Haltbarkeit des Bierschaums

Bisher nahmen die Forschenden an, dass die Stabilität des Bierschaums vor allem von proteinreichen Schichten an der Oberfläche der Bläschen abhängt: Proteine stammen aus dem Gerstenmalz und beeinflussen die Oberflächenviskosität, also deren Klebrigkeit, sowie die Oberflächenspannung.

Doch die neuen Experimente zeigen, dass der entscheidende Mechanismus komplexer ist und stark von der Biersorte abhängt. Bei einfach vergorenen Lagerbieren ist die Oberflächenviskosität ausschlaggebend. Sie wird beeinflusst durch die im Bier vorhandenen Proteine beeinflusst: Je mehr Proteine im Bier vorhanden sind, desto zähflüssiger wird der Film um die Bläschen und desto stabiler wird der Schaum.

Anders bei den mehrfach vergorenen Trappistenbieren: Hier ist die Oberflächenviskosität minimal. Die Stabilität entsteht durch so genannte Marangoni-Spannungen. Das sind Kräfte, die durch Unterschiede in der Oberflächenspannung entstehen.

Beobachten lässt sich dieser Effekt, indem man zerstoßene Teeblättchen auf eine Wasseroberfläche gibt. Die Bruchstücke verteilen sich zunächst gleichmäßig. Gibt man einen Tropfen Seife dazu, werden die Teeblättchen schlagartig an den Rand gezogen. Dabei treten Strömungen auf, die auf der Oberfläche zirkulieren. Halten solche Strömungen lange an, stabilisieren sie die Bläschen im Bierschaum.

Wie ein Protein die Schaumqualität steuert

Das Bild zeigt einen sehr dünnen Bierfilm zwischen zwei Blasen. Die verschiedenen Farben entsprechen unterschiedlichen Filmdicken, ähnlich wie bei einer topografischen Karte mit Höhenlinien. (Bild:  Manolis Chatzigiannakis / ETH Zürich)
Das Bild zeigt einen sehr dünnen Bierfilm zwischen zwei Blasen. Die verschiedenen Farben entsprechen unterschiedlichen Filmdicken, ähnlich wie bei einer topografischen Karte mit Höhenlinien.
(Bild: Manolis Chatzigiannakis / ETH Zürich)

Eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung des Bierschaumes spielt jedoch das Protein LTP1 (Lipid transfer protein 1). Das bestätigten die ETH-Forschenden durch Analysen des Proteinbestandes der untersuchten Biere.

In einfach vergorenen Bieren wie den Lagerbieren sind die LPT1-Proteine in ihrer ursprünglichen Form vorhanden. Sie wirken wie kleine, kugelförmige Teilchen, die sich dicht gepackt auf der Oberfläche der Bläschen anordnen. Das entspricht einer zweidimensionalen Suspension, also einem Stoffgemisch aus einer Flüssigkeit und fein verteilten Festkörpern, welche wiederum diese Blasen stabilisiert.

Bei der zweiten Gärung werden die Proteine durch die Hefezellen etwas denaturiert, das heißt ihre natürliche Struktur wird leicht verändert. Sie bilden dann eine netzartige Struktur, eine Art Membran, die die Bläschen noch stabiler macht.

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Bei der dritten Gärung werden die bereits veränderten LPT1-Proteine so stark denaturiert, dass es amphiphile Bruchstücke mit einem wasserabstoßenden und einem „wasserliebenden“ Ende gibt. Diese Bruchstücke verringern die Grenz- und Oberflächenspannungen und stabilisieren die Bläschen maximal. „Diese Proteinteile funktionieren wie Tenside, die in vielen Alltagsanwendungen wie Waschmitteln Schäume stabilisieren“, erklärt Vermant.

Bierschaum-Bildung ist hochkomplex

Insgesamt hängt die Stabilität des Schaums also nicht linear von einzelnen Faktoren ab, sondern je nach den Gärbedingungen des Bieres von einem Zusammenspiel unterschiedlicher Effekte. Es ist also komplex. „Man kann nicht einfach ‚etwas‘ ändern und es ‚richtig‘ einstellen“, sagt der ETH-Forscher. Wird die Viskosität durch zusätzliche Tenside erhöht, könne das den Schaum sogar instabiler machen, weil man damit die Marangoni-Effekte zu stark verlangsame. „Entscheidend ist, gezielt an einem Mechanismus zu arbeiten – nicht an mehreren gleichzeitig“ rät Vemant. „Bier macht das offensichtlich von Natur aus gut!“ Mit dem Wissen über die Stabilisierungseffekte können Lebensmittelforscher den Bierschaum künftig aber noch stabiler machen.

Für belgische Bierkonsumenten sei der Schaum wichtig, wegen des Geschmacks und als „Teil der Experience“, wie der Materialforscher sagt. „Aber nicht überall, wo Bier getrunken wird, ist der Schaum so wichtig. Das ist etwas Kulturelles“, betont Vermant.

Vom Bierschaum zum Elektrofahrzeug – Anwendungsgebiete

Die Erkenntnisse aus der Bierschaumforschung haben auch außerhalb der Braukunst Bedeutung. In Elektrofahrzeugen etwa können Schmiermittel schäumen – ein gefährliches Problem. Unter anderem mit der Firma Shell untersucht Vermants Team nun, wie sich solche Schäume gezielt zerstören lassen. Ein weiteres Ziel ist die Entwicklung nachhaltiger Tenside, die auf Fluor oder Silizium verzichten. „Unsere Studie ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung“, sagt der ETH-Forscher.

In einem EU-Projekt arbeiten die Wissenschaftler zudem an Schäumen als Träger für bakterielle Systeme. Und in Zusammenarbeit mit Lebensmittelforscher Peter Fischer von der ETH Zürich geht es um die Stabilisierung von Milchschaum durch Proteine. „Es gibt also viele Bereiche, wo uns das mit Bier erworbene Wissen nützt“, sagt Vermant.

Originalpublikation

Chatzigiannakis E, Alicke A, Le Bars L, Bidoire L, Vermant J. The Hidden Subtlety of Beer Foam Stability: A Blueprint for Advanced Foam Formulations, Physics of Fluids 37, 082139, 26. August 2025, DOI: 10.1063/5.0274943

(ID:50527843)