Lebensmittelbelastung durch Reifenadditive Reifenspur im Blattsalat – chemische Rückstände in Gemüse nachgewiesen

Quelle: Pressemitteilung Universität Wien 3 min Lesedauer

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Da haben wir den Salat – und er enthält Rückstände aus Autoreifen. Wie groß die Konzentration chemischer Additive aus Reifenabrieb im Blattgemüse ist, zeigt eine Studie von Forschern der Universitäten Wien und Jerusalem.

Chemische Stoffe aus Autoreifen gelangen über Wind und Regen in die Landwirtschaft. Dort werden sie von Pflanzen aufgenommen und können in die Nahrungskette geraten.(Bild:  ideogram.ai / KI-generiert)
Chemische Stoffe aus Autoreifen gelangen über Wind und Regen in die Landwirtschaft. Dort werden sie von Pflanzen aufgenommen und können in die Nahrungskette geraten.
(Bild: ideogram.ai / KI-generiert)

In kommerziell verkauftem Obst und Gemüse finden sich immer wieder Rückstände aus Medikamenten – das ist wissenschaftlich schon vielfach untersucht. Aber auch chemische Stoffe aus Reifenabrieb finden ihren Weg in die Nahrungskette. Das hat die Studie eines internationalen Forschungsteams gezeigt, unter Leitung des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft der Universität Wien (CeMESS) um Thilo Hofmann in Zusammenarbeit mit der Hebrew University of Jerusalem um Benny Chefetz.

Vom Reifen ins Gemüsefach

Autoreifen bestehen aus einer komplexen Mischung von Materialien, die ihre Leistung und Haltbarkeit verbessern. Hierzu gehören 5 bis 15 Prozent chemische Additive, welche hunderte von Substanzen umfassen, zum Beispiel Antioxydanzien, Antiozonierungsmittel, Vulkanisierungmittel, Antialterungsmittel und viele mehr, um die vielseitigen Eigenschaften eines modernen Reifens zu ermöglichen. „Die Toxizität von Reifen- und Straßenabriebpartikeln hängt mit ihren organischen Zusatzstoffen, den Additiven, und den damit verbundenen Umwandlungsprodukten zusammen“, erklärt Anya Sherman, Doktorandin am CeMESS und Erstautorin der aktuell veröffentlichten Studie.

Die aus Autoreifen gewonnenen Verbindungen gelangen durch atmosphärische Ablagerung, Bewässerung mit aufbereitetem Abwasser und die Verwendung von Klärschlamm als Dünger in die Landwirtschaft. „Dort können sie von Pflanzen aufgenommen werden und so auch den Menschen erreichen“, fügt Forschungsleiter Hofmann hinzu.

Reifenabrieb in Blattgemüse analysiert

Bereits im Jahr 2023 haben die Wissenschaftler gezeigt, dass Additive aus Autoreifen prinzipiell von Pflanzen aufgenommen werden können. „Die Frage war jedoch, ob dies nur in unserer mechanistischen Laborstudie passiert, oder auch im Freiland“, erklärt Erstautorin Sherman. Daher analysierten die Wiener Umweltwissenschaftler nun, ob Salatpflanzen die von Reifenabrieb abgebebenen Chemikalien unter natürlichen Wachstumsbedingungen aufnehmen. „Dazu haben wir echte Proben aus dem Supermarkt in der Schweiz sowie Feldgemüse aus Israel untersucht“, erklärt Hofmann den Hintergrund der aktuell veröffentlichten Studie.

Das internationale Team analysierte mittels hochauflösender Massenspektrometrie die Proben auf insgesamt sechzehn reifenassoziierte Verbindungen. Ursprungländer der Blattgemüse in den Schweizer Proben aus dem Supermarkt waren Italien, Spanien sowie die Schweiz. In den israelischen Proben war es Feldgemüse aus Israel direkt nach der Ernte.

Wie viel Reifenrückstände wir mit dem Essen aufnehmen

Im „Setup Lab“ sieht man den ersten Schritt der Probenverarbeitung. Die Proben wurden in Lebensmittelgeschäften in der Schweiz gekauft und dann tiefgekühlt an die Wissenschafter verschickt. Sie wurden erst gefriergetrocknet (um Wasser zu entfernen) und dann im Labor extrahiert, bevor sie mit Flüssigchromatographie-Massenspektrometrie gemessen wurden.(Bild:  Anya Sherman, Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft)
Im „Setup Lab“ sieht man den ersten Schritt der Probenverarbeitung. Die Proben wurden in Lebensmittelgeschäften in der Schweiz gekauft und dann tiefgekühlt an die Wissenschafter verschickt. Sie wurden erst gefriergetrocknet (um Wasser zu entfernen) und dann im Labor extrahiert, bevor sie mit Flüssigchromatographie-Massenspektrometrie gemessen wurden.
(Bild: Anya Sherman, Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft)

In ihrer Studie rechneten die Forscher die Messwerte aus dem Gemüse auf die Aufnahme dieser Stoffe mit der Nahrung hoch. Auf Basis dessen, was Menschen in der Schweiz und Israel essen, hat das Team schließlich die Aufnahme pro Tag berechnet. Die Konzentrationen der Reifenadditive im Blattgemüse sind insgesamt gering und liegen zum Beispiel bei 238 ng/kg für Benzothiazol (BTZ), oder 0,4 ng/kg für 6PPD, ein Stoff, dessen Transformationsprodukt 6PPD-Quinone eine hohe Toxizität zeigt. Dies führt dann je nach Diät zu einer täglichen Aufnahme pro Person von 12 bis 1.296 ng für BTZ, oder 0,06 bis 2,6 ng für 6PPD. Das ist in der Größenordnung vergleichbar mit Medikamentenrückständen, die ebenfalls auf Umwegen in die Nahrungskette gelangen.

Die Studie zeigt laut Hofmann deutliche Ergebnisse: „Während die Konzentrationen und tägliche Aufnahme zum Glück relativ gering sind, findet man dennoch Stoffe aus Autoreifen in der Nahrung. Da gehören sie nicht hin.“ Als nächste Schritte sollten nun laut Aussage des Forschungsleiters die gesundheitlichen Aspekte untersucht werden.

Originalpublikation: Anya Sherman, Luzian E. Hämmerle, Evyatar Ben Mordechay, Benny Chefetz, Thorsten Hüffer, Thilo Hofmann: Uptake of Tire-Derived Compounds in Leafy Vegetables and Implications for Human Dietary Exposure, Frontiers in Environmental Science, Volume 12 - 2024 (2024); DOI: 10.3389/fenvs.2024.1384506

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