Geschmacksrezeptoren können mehr, als nur Gewürz-Nuancen im Essen auszulesen. So zeigt aktuelle Forschung, dass bestimmte Bitterrezeptoren auch auf körpereigene Steroidhormone reagieren. Das könnte ein Erklärungsansatz sein, warum sich zum Beispiel der Geschmack während der Schwangerschaft verändert.
Tatjana Lang (l.) und Dr. Maik Behrens bei einer Arbeitsbesprechung im Büro am Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie
(Bild: Leibniz-LSB@TUM / Dr. Gisela Olias)
Ein bitterer Geschmack gilt in vielen Fällen als Warnsignal und soll davor schützen, potenziell schädliche Stoffe aufzunehmen. Doch Bittergeschmacksrezeptoren können offenbar weit mehr als nur den Geschmack von Lebensmitteln bewerten. Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München (LSB@TUM) zeigt nun: bestimmte menschliche Bittergeschmacksrezeptoren reagieren auch auf Steroidhormone. Sie könnten somit eine bislang unterschätzte Rolle bei physiologischen Prozessen spielen.
Im Mittelpunkt der Studie standen die ca. 25 verschiedenen Typen menschlicher Bittergeschmacksrezeptoren. Während diese Rezeptoren hauptsächlich für die Wahrnehmung bitterer Lebensmittelinhaltsstoffe in der Mundhöhle bekannt sind, kommen sie auch auf Blutzellen, Spermien oder Zellen innerer Organe vor. Hierzu zählen zum Beispiel das Gehirn, das Herz oder der Magen-Darm-Trakt. Da diese zum Teil keinen direkten Kontakt zur Außenwelt haben, stellt sich seit längerem die Frage, welche Substanzen diese Rezeptoren dort überhaupt aktivieren.
Steroidhormone als starke Aktivatoren
Mithilfe eines zellulären Testsystems und computergestützter Simulationen zeigt die Studie nun auf, dass Steroidhormone wie Progesteron, Testosteron und Hydrocortison als endogene Aktivatoren menschlicher Bittergeschmacksrezeptoren fungieren könnten. Insgesamt untersuchten die Forschenden in umfangreichen funktionellen Tests 19 Steroidhormone, Cholesterin sowie zwei hormonell aktive Pflanzeninhaltsstoffe. Dazu zählt Genistein, das in Sojaprodukten wie Tempeh in relativ hohen Konzentrationen enthalten sein kann.
„Unsere Analysen zeigen, dass insbesondere die Bittergeschmacksrezeptor-Typen TAS2R14 und TAS2R46 auf Steroidhormone reagieren, wobei der letztgenannte Rezeptortyp besonders empfindlich ist“, berichtet Tatjana Lang, Erstautorin der Studie. Sie ergänzt: „Mehrere Hormone aktivieren diesen Rezeptor bereits in Konzentrationen, die zum Beispiel während der Schwangerschaft oder unter Stress im Blut erreicht werden können.“
„Die Ergebnisse unserer lebensmittel-systembiologischen Forschung legen nahe, dass Bittergeschmacksrezeptoren nicht nur als Sensoren für potenziell schädliche Nahrungsbestandteile dienen, sondern auch als Signalgeber für hormonelle Zustände im Körper fungieren könnten“, erklärt Studienleiter Maik Behrens.
Besonders interessant sei dies im Zusammenhang mit bekannten Phänomenen wie einer veränderten Geschmackswahrnehmung während der Schwangerschaft oder extremen Stress-Situationen sowie möglichen Effekten auf Blutdruck, Herzfunktion oder Magen-Darm-Aktivität, sagt der Wissenschaftler weiter.
Sind Steroidhormone echte Geschmacksstoffe?
Ob Steroidhormone echte Geschmacksstoffe, endogene Agonisten oder beides sind, bleibt noch näher zu erforschen. Bekannt ist, dass Hydrocortison tatsächlich bitter schmeckt. Hydrocortison ist synthetisch hergestelltes Cortisol, das entzündungshemmend, antiallergisch und immunsuppressiv wirkt. Zudem belegt eine Studie, dass Cortisol unter Stressbedingungen im Speichel Konzentrationen von 8,69 mikromolar [µM] erreichen kann (Krahwinkel et al., Eur J Med Res. 2004 May 28;9(5):256-60; PMID: 15257879). Diese Konzentration liegt bereits nahe an der halbmaximalen Aktivierungskonzentration für den Bittergeschmacksrezeptor TAS2R46 und sollte eine bittere Wahrnehmung hervorrufen.
Tatsächlich haben frühere Untersuchungen gezeigt, dass Menschen den bitteren Beigeschmack einer Saccharinlösung unter Stressbedingungen als bitterer einstuften, während die Wahrnehmung der Süße der Süßstofflösung unverändert blieb. Laut der aktuellen Studie könnte sich dieses Geschmacksphänomen durch den stressbedingten, erhöhten Cortisolspiegel im Speichel erklären lassen.
Auch genetische Unterschiede spielen eine Rolle
Außerdem besitzen nicht alle Menschen funktionell identische Bittergeschmacksrezeptoren. Etwa acht Prozent der Bevölkerung tragen eine genetische Variante des Rezeptortyps TAS2R46, die funktionsunfähig ist. „Unsere Studie legt nahe, dass solche genetischen Unterschiede zu messbaren Unterschieden in der Geschmackswahrnehmung und in physiologischen Reaktionen auf Lebensmittelinhaltsstoffe und Hormone führen könnten. Das ist ein spannender Ansatzpunkt für die zukünftige personalisierte Forschung, den wir weiterverfolgen wollen“, ergänzt Studienleiter Behrens.
Stand: 08.12.2025
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Das Forschungsteam ist sich einig: Die neue Erkenntnis, dass Steroidhormone auch Aktivatoren menschlicher Bittergeschmacksrezeptoren sind, erweitert das bisherige Verständnis dieser Rezeptoren erheblich.